ÖDK Voitsberg – oder, es war einmal…

ÖDK-Voitsberg

Im März 1920 begann die GKB mit der Errichtung eines ‘Kalorischen Kraftwerkes‘ in Bärnbach-Mitterdorf und am 1. Juli 1922 ging dieses bereits in Betrieb. Es besaß drei Dampfturbinen und hatte ursprünglich eine Leistung von 2000 PS (1500 kW).

Im Laufe der Jahre wurde die Leistung auf 6000 und dann auf 12.000 kW erhöht. 1924 erfolgte die Inbetriebnahme einer 20.000 Volt Verbindungsleitung zwischen den Kraftwerken in Bärnbach-Mitterdorf und Kalkgrub (zwischen Schwanberg und Steyeregg). 1942 wurde das Werk stillgelegt. In weiterer Folge wurde es als Zentralmagazin der GKB genutzt.

1938 begann schließlich die STEWEAG mit der Errichtung des Dampfkraftwerks an dem derzeitigen Standort. Dieser Bauabschnitt konnte 1941 mit einer Leistung von 40.000 kW abgeschlossen werden. 1942 verkaufte die STEWEAG das Dampfkraftwerk an die Gesellschaft Österreichische Draukraftwerke womit es seinen endgültigen Namen ÖDK erhielt.

Der große Mangel an Winterenergie erforderte in den Nachkriegsjahren 1950 bis 1952 die ersten Investitionen. 1956 wurde eine eine neuerliche Vergrößerung und Modernisierung der Werksanlagen vorgenommen und es kam zur Errichtung der sogenannten Werksanlage ‘Voitsberg II‘ mit einem 65.000 kW Turbinensatz. Die zum Betrieb notwendige Feinkohle wurde aus dem Voitsberg-Köflacher Kohlenrevier bezogen und mittels Förderbänder von der Zentralsortierungsanlage der GKB angeliefert.

 

Ein Archivfoto aus dem Buch 'Altes Leben im Bezirk Voitsberg' von Prof.Dr.Ernst Lasnik
Ein Archivfoto von Voitsberg II aus dem Buch Altes Leben im Bezirk Voitsberg von Prof.Dr.Ernst Lasnik

Bodenuntersuchungen aus den Jahren 1975/1976 ergaben noch nicht erschlossene Braunkohlevorkommen in Höhe von 31 Millionen Tonnen im Bereich Oberdorf bei Voitsberg. Auf dieser Grundlage wurde der Beschluss zum Bau eines neuen, größeren Kraftwerksblocks mit der Bezeichnung Voitsberg 3 gefasst. Dieser Block ging 1983 in Betrieb. Die Investitionssumme betrug 4,5 Mrd. Schilling, umgerechnet und inflationsbereinigt etwa 628 Mio. Euro. Der Kraftwerksblock hatte eine Generatorleistung von 330 MW sowie eine Wärmeauskopplung von 35 MW aus einer Turbinenanzapfung plus 10 MW, die aus der Abwärme der Kühler gewonnen wurden. Parallel zur Inbetriebnahme von Voitsberg 3 wurde Voitsberg 1 stillgelegt. 1985 folgte die Stilllegung auch des Blocks Voitsberg 2. Im Jahr 1986 wurde mit der zweiten Ausbaustufe von Voitsberg 3 eine Rauchgasentschwefelungsanlage in Betrieb genommen, die eine Verminderung des Schwefeldioxidausstoßes um 90 Prozent bewirkte.

aufgenommen 20.01.2011 von der Burgruine Obervoitsberg aus. Hier ist noch der gesamte Komplex zu sehen.
Der Gesamtkomplex aufgenommen 20.01.2011 von der Burgruine Obervoitsberg aus.

Im Jahr 2000 ging diese Gesellschaft in der neu gegründeten Verbund Österreichische Elektrizitätswirtschafts-AG auf.

Durch die Strommarktliberalisierung im Jahr 2001 wurde das Braunkohlekraftwerk Voitsberg und der dort angesiedelte Braunkohlebergbau unrentabel. Zum Ausgleich wurde bis 30. Juni 2006 eine Beihilfe ausbezahlt, die über einen Zuschlag zur Stromrechnung unter dem Namen Stranded costs von Endverbrauchern in Österreich finanziert wurde.

Nachdem der Betreiber auf Grund zurückgehender Kohlevorkommen und damit verbundener höherer Kosten zu deren Erschließung keinen wirtschaftlichen Betrieb des Kraftwerks mehr gesehen hatte, wurde es im Jahr 2006 stillgelegt.

Im Sommer 2008 kaufte der Industrielle Mirko Kovats das Werk. Es sollte als Steinkohlekraftwerk wieder in Betrieb genommen werden.

Eine Bürgerinitiative kämpfte gegen die Wiederinbetriebnahme und für die Abhaltung einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP). Trotz gravierender Umweltprobleme (das Kraftwerk lag in einem Feinstaubsanierungsgebiet, in dem es schon jetzt eine der höchsten Krebssterblichkeitsraten Österreichs gibt) hat die zuständige Behörde in erster Instanz gegen eine UVP entschieden. Die Umweltanwältin des Landes Steiermark sowie die Standortgemeinden gingen gegen diesen Entscheid in die Berufung. Im Sommer 2010 wurden die Berufungen vom Umweltsenat abgelehnt, da laut österreichischem Recht nur die Erhöhung der Brennstoffwärmeleistung, nicht aber die Auswirkungen auf die Umwelt zu prüfen waren.

Am 22. Oktober 2010 meldete der Industrielle Mirko Kovats für sein Unternehmen, den A-Tec Industries-Konzern, der die Wiederinbetriebnahme betreibt, ein Sanierungsverfahren an, da er eine offene Anleihe von 91 Millionen Euro nicht refinanzieren konnte.

Am 3. Mai 2011 wurde bekannt, dass die A-Tec mit Mirko Kovats den Antrag auf Wiederinbetriebnahme des Kraftwerks zurückgezogen hat. Eine vom Land Steiermark gesetzte Frist zur Behebung von Mängeln konnte nicht eingehalten worden. Ebenso führte der massive Widerstand von Bürgerinitiativen, Umweltorganisationen und diversen politischen Parteien zu einem Umdenken in der gesamten Landesregierung und dürfte damit nicht unwesentlichen Einfluss auf die Entscheidung der A-Tec gehabt haben.

Am 12. Mai 2011 wurde ein Gutachten des damaligen Landeshauptmann-Stellvertreters Schützenhöfer veröffentlicht, aus dem hervorgeht, dass eine Inbetriebnahme des Kraftwerkes hunderte Arbeitsplätze im Tourismus (Lipizzaner, Therme) vernichten würde. Dadurch wurde das einzige Argument der Kraftwerksbefürworter, nämlich dass das Kraftwerk Arbeitsplätze schafft, ad absurdum geführt. Die Politik trat nun geschlossen gegen das Kraftwerk auf, wodurch eine Inbetriebnahme verhindert werden konnte.[1]

Im Jänner 2013 kaufte die Porr Umwelttechnik GmbH das Kraftwerk um vier Millionen Euro. Porr begann den Abbruch der Anlage Anfang 2013, recyclet dabei die Materialien (Buntmetalle, Stahlschrott, diverse Anlagenteile etc.) und verkaufte das Grundstück schlußendlich an die Gemeinde Voitsberg, die eine eigene Gesellschaft für die Vermarktung errichtete.

Am 4.August 2015 sollte der 180 m hohe Kamin abgetragen werden. Dabei kam es jedoch zu einem Zwischenfall der den Schiefen Turm von Voitsberg zur Folge hatte. Dieses Mißgeschick wurde am 8. August 2015 um 06:00 Uhr durch eine Sprengung endgültig beseitigt.

8. August 2015 - eine leichte Schieflage statt Falllage.
8. August 2015 – eine leichte Schieflage statt Falllage.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am 8. November 2015 um exakt 15:30 Uhr erfolgte die Sprengung die das Stiegenhaus, den vorderen Büroteil niederlegen und das Gebäude auf eine Gesamthöhe von maximal 25 Meter schrumpfen lassen sollte.

Und wie schon zuvor beim 180m Schlot, ein echter Steirer geht nicht unter. Schuld daran sind die 4 Stahlträger, im nächsten Bild zu sehen, die das Hauptgerüst bilden.

 

Irgendwie überkommt einem da ein Gefühl von Melancholie. Hier wird wieder einmal ersichtlich wie vergänglich alles ist.

Koordinaten: N 47° 03.059 E 015° 08.097

Hier noch einige Schnappschüsse von den Anfängen des Endes.